Buchrezension:

 

 

Nossrat Peseschkian

 

 Der nackte Kaiser

oder : Wie man die Seele der Kinder und Jugendlichen versteht und heilt.

 

Lizensausgabe S.Fischer Verlag,ISBN 3-596-15477-4, 8,90, Mai 2002


 

  

Jeder besitzt die Kraft, das Leben in die Hand zu nehmen“- Peseschkian leitet während der Lektüre zu selbstkritischen Beobachtungen und Reflektion der eigenen Persönlichkeit an. Er beschreibt im ersten Teil des Buches grundlegende Ansätze der von ihm entwickelten „positiven Psychotherapie“.

Im Gegensatz zu freudianischen Triebansätzen beschreibt der Autor ein ausschließlich positives Menschenbild: „Der Mensch ist wie ein Bergwerk voller Edelsteine, die man ausgraben und schleifen kann. (orientalische Weisheit)“. Diese positivistischen Grundannahmen, auf denen die Therapie aufbaut, werden im folgenden anschaulich dargelegt.

Wir erfahren, wie sich nach Peseschkians Erachten Gesundheit im Gegensatz zu Krankheit definiert, und welche Elemente des gesellschaftlichen, sozialen Umfelds sich auf den Entwicklungsprozeß der Persönlichkeit auswirken. Dies alles lesen wir in besonders für Nichttherapeuten leicht verständlicher, anschaulicher Sprache, humorvoll begleitet durch provokante Spruchweisheiten und kleine Anekdoten.

In dieser Weise führt der Wiesbadener Facharzt für Neurologie und Psychiatrie ohne die klare Struktur - welche seine positive Psyschotherapie kennzeichnet - zu verlieren, uns nun in die therapeutische Vorgehensweise ein. Nach dem Motto „Der Arm, der dir hilft, ist dein eigener Arm“ legt er uns fünf Stufen der Selbsthilfe in die Hand, die durch „Geschichten wie Spiegel“ untermauert und verfestigt werden. So werden wir schmunzelnd aufgefordert, über soziale Gefüge und Beziehungsstrukturen nachzudenken.

In den darauffolgenden etwa hundert Seiten erhalten wir einen Einblick in Beispiele aus der Praxis. Mit heiterem Augenzwinkern werden in Störungen, die vorwiegend während der Kindheit entstehen, zuerst die positiven Aspekte des Verhaltens aufgedeckt.

So sieht Peseschkian z.B hinter dem Problem der Fettsucht, die Fähigkeit des Betroffenen, sich selbst etwas Gutes zukommen zu lassen. Störungen wie Schulversagen, Stottern, Bettnässen, Ängste und Aggressivität lassen auf andere, kreativ entwickelte besondere Fähigkeiten des betroffenen Kindes schließen. Zudem erfahren wir, welche Zusammenhänge der Arzt und Therapeut zwischen Asthma, Selbstbeherrschung, Höflichkeit und Bescheidenheit erkennt.

Lachen ist gesund. Negativität sowie Schuldproblematik werden von Anfang an aus der Vorgehensweise ausgeschlossen, was unauffällig zur erstrebten offenen, verständnisvollen Gesprächsbasis aller Beteiligten führt. Erfolgreiche Verhaltensänderung beruht auf der Einbeziehung äußerer Faktoren in die Therapie. Peseschkian befaßt sich nicht nur mit dem „Problem“, sondern nimmt die Gesamtpersönlichkeit des Kindes im Verbund seiner Umwelt, der Eltern, Geschwister, Erzieher und dem sozialgesellschaftlichen Kontext unter die Lupe.

Von Beginn an ist das vorliegende Buch ein Arbeitsbuch, in dem wir aufgefordert werden, einen Schritt zur Seite zu treten und die Dinge aus anderer Perspektive zu sehen. Der Arzt und Therapeut vermittelt deutlich, daß kulturelle Bedingungen die Einstellungen von Eltern und bestimmte Verhaltensweisen unserer Kinder eher fördern und andere vorwiegend unterdrücken. Die meist orientalischen Anekdoten und Spruchweisheiten liefern den erforderlichen Abstand zum verhaltenstherapeutisch notwendigen Perspektivenwechsel. Alles in allem ein Buch zum Stöbern, Nachdenken und Schmunzeln, selbst wenn sich keine Probleme am Erziehungshorizont zeigen.